Lesen Sie hier einige Kritiken zu
Der Teufelsschiß
(v. Dario Fo)
Frankfurter Allgemeine Zeitung:
Zeit der großen Wunder
Hans Schwab mit Texten von Dario Fo im Stalburg Theater
Stellen Sie sich vor, wir sind in einer wunderschönen mittelalterlichen Stadt." Frankfurt zum Beispiel. Ein
buntes Treiben, Ochsen stehen herum, und überall wird Fisch und Fleisch und Gemüse feilgeboten. Ein Mann
in buntem Rock tritt auf: "Kommt herbei, Soldaten, Mägde, unzufriedene Eheleute." Der Gaukler erscheint, um
das Volk mit seinen Späßen zu unterhalten. Hans Schwab ist dieser Possenreißer, der im Frankfurter. Stalburg
Theater mit "Der Teufelsschiß" eine Auswahl spätmittelalterlicher Geschichten zum besten gibt. Dario Fo hat
sie einst gesammelt und bearbeitet und Ende der sechziger Jahre als "Mistero buffo", als komisches
Mysterienspiel auf die Bühne gebracht.
Fo, der linke, immer auf der Seite "der da unten" stehende Schauspieler und Dramatiker, nutzte die im
Volkstheater enthaltene Kritik an weltlicher und kirchlicher Macht und aktualisierte sie. Schwab, der erkennbar
über Straßentheatererfahrung verfügt, hat den "Teufelsschiß" schon 1988 für die Kleinkunstbühne "Fresche Keller" in Ortenberg inszeniert, deren Leitung er
soeben abgegeben hat. Es sind komische, aberwitzige Geschichten um Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut, Gott und die Menschen, die er vor der kleinen
Wanderbühne zeigt. Schwab ist Gaukler und Erzähler, lahmer Bettler und Papst Bonifatius, Bauer, Jesus und eine Horde Straßenkinder.
Virtuos und mit großer Spielfreude schlüpft er im Verlauf des Abends in gut und gerne 20 Rollen. Doch nicht in jedem Fall gelingt ihm eine zwingende
Aktualisierung wie in der "Zeit der großen Wunder", wo die Erweckung des Lazarus als Jahrmarktsspektakel inszeniert ist, mit Besuchern, die in Bussen
herbeigekarrt werden, mit Eintritt und Stuhlverleih. Mag sein, dass die Revolution von unten, aus dem leidenden, getretenen Volk kommen muß, das Warten auf
den Erlöser nicht helfen wird. Auch dieser Glaube jedoch hat sich inzwischen weitgehend erledigt. Und dass die Kirchenfürsten nicht immer so fromm sind, wie
man sich das wünschen würde - geschenkt.
So bleibt manches an diesem Abend unterhaltsames, gekonnt dargebotenes Spektakel, das man gerne verfolgt. Das agitatorische, Moment Fos belächelt man
eher. Es stammt aus einer Zeit, als die Kirche noch mächtig war, es noch Proletarier gab und das Demonstrieren noch geholfen hat. Wenigstens in Italien. Die
sechziger Jahre, vergangen wie das Mittelalter.- Und so bleibt, für Schwab wie das Publikum, als Identifikationsfigur der kleine Bauer, der ackert und schwitzt, von
Obrigkeit und Klerus getreten wird und auf keinen grünen Zweig kommt. Nach allerlei Elend, Unrecht und Hader mit Gott und der Welt bleibt ihm schließlich, mit
Gottes Segen, die Rolle des Narren und Possenreißers. Immerhin.
Taunus - Zeitung:
Gaukler kam als Pabst und Menschenmasse.
Bad Homburg.
 Gebannt blickt das Publikum auf eine große schwarze Leinwand. Plötzlich erklingt mittelalterliche Musik und ein Gaukler läuft durch die Menge.
"Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und folgen Sie mir in eine mittelalterliche Stadt bis auf den Marktplatz", ruft er. Schauspieler und Regisseur Hans Schwab
zeigte in der Englischen Kirche das Stück „Teufelschiß“ - von Dario Fo.In einer mitreißenden und sehr witzigen ein-Mann-Show entführte der Schauspieler, der zu
den Protagonisten des deutschen Straßentheaters gehört, sein Publikum in die burleske Welt der Gaukler und Narren des Mittelalters. Mehrere Rollen gleichzeitig
zu spielen, war für den ausgezeichneten Schauspieler kein Problem. Schwab zauberte ganze Prozessionen und Massenaufläufe in die Englische Kirche. dass da
eigentlich nur ein einziger Mensch auf der Bühne stand, hatten die Zuschauer schnell vergessen.
"Die dargebotenen Stücke sind zum größten Teil aus apokryphen Evangelien entstanden, die im zweiten und. dritten Jahrhundert nach Christus aufgeschrieben
wurden. Dario Fo hat die Stücke neu bearbeitet", berichtete Schwab. Besonders die Geschichte über das Wunder von Lazarus erinnerte einige Zuschauer lebhaft
an Monty Pythons "Leben des Brian".
„Entschuldigen Sie, ist das hier der Friedhof mit dem Wunder?", fragt ein Passant. Ein anderer stöhnt: "Ist das eine Hitze, kann nicht mal einer nachsehen, wo
dieser Jesus bleibt." Dann pfeift er Zarah Leanders Evergreen "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn." Endlich naht der Gottessohn. "Dat ist der Jesus?"
„Den han ich mir ganz anders vorgestellt.“ Wie der noch aussieht so jung und sympathisch", entfährt es da einem der Wunder-Touristen.Große - Lacherfolge
erntete Schwab auch mit seiner Darstellung eines Gesprächs zwischen Papst Bonifaz VII. und Jesus. "Ja, das ist das Papstkostüm. Ja, das ist aus Gold, Silber
und Seide. Wie? Ob das mir gehört? Nein nein, das hat mir ein Freund gegeben", versichert Bonifaz – alias Schwab – dem erstaunten Gottessohn. Später gibt
sich der Pabst ganz zerknirscht: „Du hast recht Jesus! Ich bin  der schlechteste der Menschen, aber du vergibst ja auch Dieben, Mördern und Huren. Warum willst
du dann gerade mit mir eine Ausnahme machen?" Das Wunder ist noch ganz warm
Besonders witzig war auch eine Geschichte aus der Kindheit Jesu. Der kleine Gottessohn hatte nämlich, wie Schwab erzählte, den verzogenen Sohn des
Stadtfürsten von Jaffa, der das Spielzeug seiner Spielgefährten zerstört hatte, kurzerhand -in einen Lehmklumpen verwandelt. Dann hatte er stolz nach der
Jungfrau Maria gerufen. „Mama, ich hab' grade mein erstes Wunder gemacht. Da liegt es. Ist noch warm.“Leider haben nur knapp 70 Zuschauer die
ausgezeichnete Darbietung gesehen. Der Stimmung tat das jedoch keinen Abbruch. Einige Zuschauer sangen sogar brav in verschiedenen Tonarten "Prego in un
deo", als Gaukler Schwab sie dazu ermunterte. Anschließend gab er; sehr  zum Vergnügen des Publikums, launische Kommentare zu diesem Gesang ab. Zum
Schluss forderten die  begeisterten Bad Homburger eine Zugabe, die Schwab gern gewährte. . .
CHRISTIANE GENSRICH
Fuldaer Zeitung
Fulda.
 Ein Mann will Geschichten erzählen, zwei Stunden lang ... Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal? Wer den Schauspieler Hans Schwab von seinen
beeindruckenden Auftritten im "Kreuz" mit Kafka und als Clown schon kannte, freute sich auf einen weiteren Abend mit dem vielseitigen Schauspieler vom freien
Theater "Compagnia Mobile" aus Ortenberg. Die anderen Zuschauer im gut besetzten "Kreuz-Saal" waren rasch davon überzeugt, dass es hochinteressant
werden würde.
Hereinstürmt - von hinten, mit Gebrüll und lautem Glockenton - Hans Schwab als "Spielmann" und mittelalterlich gewandet. im Kopf hat er den "Teufelsschiß" und
andere "komödiantische und groteske Geschichten", entstanden im Mittelalter, gesammelt und eingerichtet ("geschärft") von Dario Fo, einem bekannten
italienischen Theatermacher. Und dann geht es zu wie im Mittelalter: derb und deftig, erregt und erotisch, frech und fröhlich, frivol, aber auch fromm, denn die
Spielszenen greifen häufig biblische Inhalte auf, zu deren Verkündigung, so erläutert Schwab zwischendurch, Theater damals diente.
Die Intentionen der Spielleute waren freilich andere: Sie setzen der etablierten Kultur ihre Alternativen entgegen, dass es nur so krachte. Einem erstaunten und
von Anfang an begeistert mitgehenden Publikum wird von Hans Schwab im Narrenmantel ungewöhnlicher Geschichtsunterricht erteilt, denn rasch wird jedem klar:
Auch schon im "finsteren Mittelalter" wussten sich die Menschen nachdrücklich gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu wehren, und sei es dadurch, dass sie die
da oben" ganz einfach der Lächerlichkeit preisgaben. Spielleute und Geschichtenerzähler verspotteten auf den Marktplätzen der aufstrebenden Städte Kirche und
Obrigkeit, Normen und Moral. Selbstbewusst probten sie eine Welt, die anders sein könnte - und es bis heute vielfach noch immer nicht geworden ist.
So mancher Zuschauer mag bei der drastischen Schilderung einer Vergewaltigung "nach Gutsherrenart« an heutige Macho-Mentalität gedacht haben, sicher aber
auch an die Gegenentwürfe. So sagt die Frau nach der abscheulichen Tat zu ihrem Mann, der hilflos hat alles mit ansehen müssen: "Ich bin eine Sau ohne Ehre -
nur für dich bin ich eine Frau! " Die Geschändete wurde damals "natürlich" aus der Messe weggejagt, schuldig", wie sie ja war, war sie doch eine Frau ...
Hans Schwab zieht alle Register seines weitgespannten Könnens und spielt, mimt und spricht Leibeigene und Grundherren, Bauern, Frauen und Kinder, Päpste
und Pröpste, Gaffer und Geiferer, den Jesusknaben und den Gekreuzigten, jeder der darzustellenden Figuren sofort unverwechselbare Konturen verleihend. Bei
dieser Art von Theater liegen Himmel und Hölle eng beieinander, werden gleichermaßen ernst genommen wie verspottet, und das im selben Atemzug.
Rasch kippt eine Situation um: Gerade hat der unglückliche Leibeigene mit Gott gehadert und will den geplanten Selbstmord in die Tat umsetzen, da erscheinen
zwei Herren. "Ich geb euch was zu trinken", sagt der Bauer, danach häng ich mich auf " (allgemeine Heiterkeit im Publikum). Es kommt, Jesus sei Dank, nie dazu,
denn um Jesus und einen apostolischen Begleiter handelt es sich bei den Besuchern. Die hören sich die Klagen des Bauern an, äußern Verständnis für dessen
verzweifelte Lage (von wegen Nächstenliebe) und verändern diese durch Neuerschaffung - nunmehr als Possenreißer!
Egal was Schwab erzählt und darstellt, immer fesselt er und fasziniert. Und meist herrscht Heiterkeit im Saal, weil, streng im Sinne der Groteske; durch die
spielerische Phantasie immer neuartige Sinnzusammenhänge hergestellt und scheinbar Unvereinbares miteinander verbunden wird. Der Spielmann" Schwab
steigert sich nach der Pause noch einmal, auch weil seine Geschichten jetzt noch prägnanter sind und das Publikum ein wenig miteinbezogen wird ins Geschehen,
wenn zum Beispiel die Prozession des Papstes Bonifaz VIII. geübt wird. Nun lässt Schwab hier und da ein karikierendes Credo singen, sich streng in der
mittelalterlichen Tradition der buffonesken Mysterienspiele eingebunden wissend. Die Kreuz-Besucher treffen - weil ungeübt - nicht auf Anhieb die richtigen Töne.
Da wird der Schalk anzüglich aktuell und gibt's der jungen Dame am vorderen Tisch rechts: "Will Priester werden und kann noch nicht einmal das Credo singen!«
Lästerlich geht's zu in Fos Farcen, gotteslästerlich jedoch nie. In allen Szenen wird aufgeklärt, klargestellt, aufgedeckt, Stellung bezogen, immer gekonnt, lustvoll,
lebensfroh und leidenschaftlich engagiert. Hans Schwabs Einmanntheater ist eine "moralische Anstalt" mit hohem Anspruch und von großer Überzeugungskraft. Es
gab spontanen Applaus zwischendurch, lang anhaltenden, herzlichen Beifall am Schluss und eine herrliche Zugabe.
 Wolfgang Hohmann
(GNZ)
Hans Schwabs Straßentheater gastierte in Meerholz
Ein armer Bauer als Komödiant
Gelnhausen-Meerholz(sie)
 Die Scheune auf Hof Honzen war am Mittwochabend Schauplatz eines extravaganten Theatervergnügens. Im Rahmen der Meerholzer
Kulturtage gastierte dort der freie Schauspieler und Komödiant Hans Schwab mit seinem Straßentheater, in welchem er unter der Titulierung „Der Teufelsschiß“
komödiantische und groteske Geschichten von Dario Fo aufführte.Der italienische Dramatiker, Schauspieler und Regiesseur Daro Fo gab dem modernen
Volkstheater wie auch dem alternativen Polittheater wesentliche Impulse. Seine mit clownesken Gags aufbereiteten Possen, Farcen und Komödien sind satirische
Lehrstücke und moderne Harlekinaden zugleich. In dem Stück „Mystero Buffo“ hat Fo Apokryphen um Jesus mit den Mitteln der Komk respektlos, aber liebenswert
umgearbeitet. Hans Schwab wiederum entwickelte über Jahre daraus seinen ebenso respektlosen, aber liebenswerten „Teufelsschiss“.Die Geschichten, die der
Ortenberger Schauspieler in grotesken Situationen, schlagfertigen und derben Dialogen darstellt, ranken sich um den „etwas anderen“, den volksnahen Jesus. Auf
faszinierende und unnachahmliche Weise versteht es der Alleindarsteller Schwab, in rasantem Wechsel verschiedene Figuren zu chargieren. Leidenschaftlich und
ausdruckstark tut er dies. Seine starke Bühnenpräsenz stellt ein ganzes Szenario auf und entfacht ein wahres Feuerwerk an Komödiantik Erzählkunst.Das Publikum
lässt sich mitreißen, beispielsweise in die Welt des armen Bauern, dem es gelingt, das unfruchtbare Land – „Teufelsschiss“ genannt – in einen blühenden,
fruchtbaren Garten zu verwandeln. Da kommt der neidische Fürst und beschlagnahmt das Land. Damit nicht genug, rottet er noch die Familie des verzweifelten
Bauern aus. Der nimmt sich einen Strick um sich zu erhängen. Doch da kommt Jesus, klopft ihm auf die Schulter und bittet um Essen für sich und seine Jünger. Der
Bauer erbarmt sich, speist die hungrige Gesellschaft und bekommt dafür den Rat, sein Leben und seine Geschichte mit anderen zu teilen. Damit ihm dies gelingt,
verwandelt Jesus den Bauern in einen Komödianten.