Allgemeine Zeitung
(Thorben Schröder)
(12.02.2007)
Auf einer Kreuzfahrt durch das Herz
Hans Schwab und Ronka Nickel präsentieren pointenreichen Bänkelsang und Moritaten
SAULHEIM Ein willkommenes Kontrastprogramm zum ausgelassenen Fastnachtstreiben bot wieder
einmal die Kleine Kunstbühne in Saulheim an. Hans Schwab und Ronka Nickel luden ein zu einer
"Kreuzfahrt durchs Herz".
Bänkelsang und Moritaten aus dem 19. Jahrhundert, stets distanziert-liebevoll ironisiert, schlugen
einen weiten Bogen von zartem Liebesgeflüster hin zu morbiden, schwarzhumorigen Pointen. Was sich
auf den ersten Blick, vor allem wegen des Titels, wie eine Kitschveranstaltung anhörte, geriet zu
einem heiteren, humorigen Abend, der eintauchen ließ in die Unterhaltungswelt des 19. Jahrhunderts.
Der gesanglich makellose Vortrag des Duos, begleitet am Schifferklavier und von einigen kleinen
Instrumenten-Kuriositäten, meisterte die heikle Gratwanderung zwischen ruhigen Tönen und derben
Pointen sowie die noch viel heiklere zwischen Ironisierung und "Werktreue". Denn selbst der ärgste
Kitsch wurde zwar mit Augenzwinkern und gekonnt übertriebener Theatralik aufgeführt, aber nie ins
Lächerliche gezogen.
Hierin liegt wohl das Geheimnis des äußerst sympathischen Auftritts. Ein wahrer kultureller Genuss
war es überdies, denn die Kunst des Bänkelsanges und der Moritaten ist auf den Bühnen kaum
präsent. Dabei handelt es sich um ein aussagekräftiges Zeugnis deutscher Kulturgeschichte. Während
die Liebeslieder viel über die Umgangsformen und die herrliche, ungebrochene Romantik dieser Zeit
aussagen, bieten die Moritaten einen bemerkenswerten Einblick in die gesellschaftliche Moral.
Moritaten, das Wort hat seinen Ursprung wohl in der "Mordtat", ermahnen mit klarer moralischer
Botschaft, nämlich Guten zum Sieg zu verhelfen, zum sittlichen Verhalten im Sinne der herrschenden
Gesellschaftsordnung.
Schwab und Nickel schmückten das sich aus der Vielzahl an Liedern entfaltende Gesellschaftsbild mit Anekdoten und Begebenheiten aus der jeweiligen
Entstehungszeit der Lieder aus, sodass diese Zeit klare Konturen gewann. Die gelehrte Moral erzielt freilich, angesichts veränderter Konventionen und insbesondere
des hierzulande beinah gänzlichen Rückzugs des Pathetischen, keinerlei Wirkung mehr. Daher unternahm das Duo eine ironische Reise in die Vergangenheit,
allerdings ohne die Legitimität dieser Kulturerscheinung "Bänkelsang" und "Moritat" auch nur im Ansatz in Frage zu stellen.
Neben durchgängiger Heiterkeit hatten Schwab und Nickel auch einige richtige Lacher zu verzeichnen. Der als Clown zu Berühmtheit gekommene Schwab gab den
besoffenen Seemann derart gekonnt, dass Lachtränen flossen, und der Versuch, ein überlanges Alphorn auf der kleinen Bühne der Kunstbühne unterzubringen, war
an Situationskomik kaum zu übertreffen. Ein bunter, rundum gelungener Abend, an dem mit Sicherheit nicht weniger gelacht wurde als auf den zahlreichen zeitgleich
abgehaltenen Fastnachtssitzungen.